Lernprojekt Religionen in der Welt
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Der Wanderer stand dem berühmtesten Denker Andalusiens gegenüber. Eine Weile herrschte Schweigen. Der Philosoph blickte ins Gesicht des Wanderers, das Liebe und Vertrauen ausstrahlte. Auf dessen Stirn gab es noch keine Spur von Falten: Er stand im Frühling seines Lebens. Wenn er diesen jungen Mann, der sein Sohn hätte sein können, aus nächster Nähe still betrachtete, merkte er, dass er wie Feuer glühte. Nun sass er dem Mann, der seinen Ruhm in den Schatten stellen sollte, so nahe, dass sich ihre Knie hätten berühren können. Der Raum war von einer Stille erfüllt, die alles auf sein Wesen reduzierte – als wären sie zu dritt im Raum: der Philosoph, der Wanderer und die Stille. Der Philosoph nahm den Wanderer und die Stille als unterschiedliche Wesen wahr. Dieses Gefühl löste sich aber nach ein paar Minuten auf und er begann, nur noch den Wanderer zu sehen. Als hätte er auch sich selbst aufgelöst, gab es nur noch ihn. In der Stille schaute er dem jungen Mann ins Gesicht, lange und aufmerksam. Dessen Augen waren meeresgrün. Als er den Wanderer so lange anschaute, weiteten sich seine Pupillen immer mehr. Auf dessen glänzender Stirn funkelten edle Lichtreflexe. In diesem Augenblick sah er nur noch seine Stirn, er konzentrierte sich darauf und es kam ihm so vor, als wäre der junge Mann nur noch seine Stirn. Eine Zeit verweilten sie beide in diesem Gefühl, in dieser Melancholie.

         
 
 
 
 
 
       

Der Wanderer atmete tief ein und unterbrach die Stille: „Ja“, sagte er. Auch der Atem des Philosophen, der in seiner Brust gefangen zu sein schien, befreite sich. Er fühlte sich erleichtert und war von der Freude und dem Feuer in seinem Herzen ergriffen. „Ja“, erwiderte er. Der Wanderer schwieg erneut.

In der Hoffnung auf eine Begegnung hatte der Philosoph in seinem Haus auf ihn und auf seine Antwort gewartet. Jetzt, da seine Hoffnung in Erfüllung gegangen war, fühlte er sich glücklich. Er war auch erleichtert. Die Last der ganzen Welt schien von ihm zu fallen. Er fühlte sich leicht wie ein Vogel. Dieses „Ja“ aus dem Mund des Wanderers war sowohl Bestätigung seiner Person als auch all dessen, was er bisher gesagt und geschrieben hatte. So deutete er dieses „Ja“. Das schönste Wort der Welt.
 
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Der Philosoph blickte dem Wort ins Herz und erblickte darin all das. Endlich – der Wanderer beglückwünschte ihn seines Denkens wegen. Diese auf der Ebene des Denkens ihm zuteil gewordene Bestätigung erfreute ihn ausserordentlich. Doch für den Wanderer stellten sich die Dinge anders dar. Nachdem er sich eine Weile in Schweigen gehüllt hatte, sprach er mit einer Stimme, die entschlossener und geheimnisvoller klang als vorher. „Nein“, sagte er. Als der Philosoph dieses „Nein“ hörte, versteinerte er, wurde fahl und Argwohn ergriff von seinen Gedanken Besitz. Recht hilflos fragte er: „Zu welchem Ergebnis bist du kraft der heiligen Inspiration und Erleuchtung gekommen, würdest du bitte offen darüber reden?“ Ohne dass das Geheimnisvolle in seiner Stimme entschwand, antwortete der Wanderer entschlossen und rätselhaft zugleich: „Ja und Nein. Meine Erfahrungen haben mich bis heute diese beiden Worte gelehrt.“

         
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Wie von Schmerzen gepeinigt wartete der Philosoph auf die Fortsetzung der Worte und war bedrückt. Der Wanderer sprach weiter: „Die heilige Inspiration hat mir diese zwei Worte eingegeben. Mit dem ‚ja und nein’ wird mir der Kopf vom Körper getrennt, die Seele dem Leib entrissen.“ Das Gesicht des Philosophen wurde gelb, und er begann am ganzen Körper zu zittern. Mit kaum vernehmbarer Stimme flüsterte er: „Lâ ilah el illallah, es gibt keinen Gott ausser Gott.“

 
   
   
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Sadik Yalsizuçanlar, Der Wanderer, Literaturca Verlag, Frankfurt am Main 2006, Aus dem Türkischen von Beatrix Caner, S. 6,7 | Musik: Max Richter, Arbetina (11 Years).

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